Warum zyklusorientiertes Arbeiten kein Frauenthema ist

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29.03.2026
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Wenn ich den Begriff zyklusorientiertes Arbeiten im Gespräch erwähne, entstehen meist zwei sehr unterschiedliche Bilder:

Spreche ich mit einer Frau, denkt sie an ihren biologischen Rhythmus. 

Spreche ich mit einem Mann, denkt er an Jahreszeiten, Quartalszyklen oder Produktlebenszyklen.

Und genau darum geht es: Beides ist richtig.

Denn zyklusorientiertes Arbeiten umfasst für mich mehr als nur den weiblichen Zyklus. Es beschreibt auch die natürlichen Leistungsschwankungen im Alltag durch die verschiedenen Chronotypen und unsere Hirnleistungen sowie die verschiedenen Lebensphasen in denen wir uns über unsere Erwerbszeit befinden. Vom Alleinsein über Familienzeiten bis hin zu Pflegeverantwortung.

Im Kern ist es ein Gegenentwurf zu einem tief verankerten Prinzip unserer Arbeitswelt: der Idee linearer Leistung.

Wie das lineare Leistungsdenken entstanden ist

Die Vorstellung, dass Leistung stetig steigerbar ist, hat eine lange Geschichte.

Mit dem Modell des Homo oeconomicus begann die Ökonomie, den Menschen als rationalen, berechenbaren Akteur zu betrachten. Ursprünglich ein Analyseinstrument, entwickelte sich daraus zunehmend ein normatives Ideal.

Die Industrialisierung verstärkte diese Sichtweise:

Messbarkeit, Taktung und Standardisierung wurden zentral. Zeit wurde zur entscheidenden Ressource – „Zeit ist Geld“.

Frederick Winslow Taylor prägte dieses Denken maßgeblich. Durch die Zerlegung von Arbeit in kleinste Schritte entstand Effizienz – und die Illusion von vollständiger Planbarkeit.

So etablierte sich ein einfaches Prinzip:

Mehr Input (Zeit, Anstrengung) = mehr Output (Produktivität)

Parallel dazu beschrieb der Soziologe Max Weber eine kulturelle Verschiebung:

Arbeit wurde moralisch aufgeladen.

  • Beruf wurde zur Berufung
  • Disziplin und Fleiß zu Tugenden
  • Erfolg zum Zeichen eines „richtigen Lebens“

So bekam wirtschaftliches Verhalten eine moralische Bewertung. Diese Ansprüche sehen wir auch heute noch in vielen Diskussionen. Dabei für mich wichtig zu differenzieren ist: 

Ein System, wie eine Organisation hat eine eigene Aufgabe mit Mechanismen, die zur Erfüllung diese Aufgabe beitragen sollen. Dabei beziehe ich mich auf Aufbau- und Ablauforganisation. Menschen sind in dieser Betrachtung austauschbar. Das ist gut und wichtig, damit das System funktioniert.

Die Menschen als Teil des Systems aber auch Teil eines Sozialsystems brauchen für eine gute Zusammenarbeit Werte, Kommunikation, Sinn und Führung.

Diese Perspektiven miteinander zu vermischen, halte ich für schwierig, denn es romantisiert den Zweck und die Aufgabe, an denen alle beteiligt sind. Und lässt Verbesserung an Kommunikation und Umgang miteinander überflüssig erscheinen. 

Aus meiner Sicht sind das zwei verschiedene Betrachtungsebenen, die auch getrennt voneinander besprochen werden sollten.

Betrachten wir deshalb erst einmal weiter das Narrativ „Lineare Leistungserwartung“.

Vom Menschen zur Ressource

Der moderne Kapitalismus verstärkt das Narrativ weiter - mit folgenden Regeln:

  • Unternehmen müssen wachsen
  • Leistung muss messbar sein
  • Kennzahlen dominieren (KPIs, Output, Wachstum)
  • Gewinnmaximierung wird zum obersten Ziel

Menschen werden zunehmend als „Ressourcen“ betrachtet.

Die Folgen:

  • lineare Karrierepfade
  • starre Leistungsmetriken (Stunden, Targets)
  • die Annahme, dass Produktivität kontinuierlich steigerbar ist

Als letzte historische Komponente darf die Psychologie nicht unerwähnt bleiben. Der Behaviorismus, geprägt u. a. von B. F. Skinner, reduzierte Verhalten auf Reiz–Reaktions-Mechaniken. Das hatte zur Folge, dass Belohnungssysteme auf Arbeit übertragen wurden:

Input Verhalten Output

Daten und Selbstoptimierung stärken Heute dieses lineare Denken

Durch digitale Plattformen, die alles quantifizieren (Klicks, Schritte, Performance).

Self-Tracking und Biohacking, um noch mehr aus sich heraus zu holen und die Leistungszone zu verlängern.

Die Folge:

Menschen beginnen, sich selbst wie Projekte zu behandeln – ständig optimierbar, ständig messbar.

Alle Maßnahmen dienen dazu, dieses Narrativ zu stärken und zu optimieren. 

Doch die Rechnung geht nicht auf

Denn dieses Modell hat einen hohen Preis.

Der Versuch, menschliches Verhalten vollständig in ökonomische Logiken zu pressen, funktioniert nur scheinbar effizient. Tatsächlich entstehen erhebliche Opportunitätskosten – vor allem in Form von Gesundheit.

Neben körperlichen Beschwerden (z. B. Rückenprobleme durch sitzende Tätigkeiten) gehören psychische Belastungen zu den häufigsten Krankheitsursachen.

Der Grund ist naheliegend:

Wir arbeiten dauerhaft gegen unseren eigenen Rhythmus, um einem linearen Leistungsideal zu entsprechen.

Das macht krank.

Der Gegenentwurf: zyklusorientiertes Arbeiten

Zyklusorientiertes Arbeiten setzt genau hier an.

Es bedeutet, den eigenen Rhythmus nicht zu ignorieren, sondern gezielt einzubeziehen. Dazu gehören:

  • individuelle Chronotypen
  • kognitive Leistungsphasen
  • (bei Frauen) der hormonelle Zyklus

Heute betrachte ich nur das bekannte Modell der zwei Hauptchronotypen:

Die Lerche:

Sie ist morgens leistungsstark und zeigt einen Leistungsabfall am Nachmittag.

Die Eule:

Sie kommt später in Fahrt, gerne ab 10/11 Uhr und erreicht ihr Leistungshoch am Abend.

Zu welchem Typen zählst du dich?

Ich bin eher eine Lerche, mein Mann gehört zum Team Eule. 

In unserem Familiensystem zeigen sich unsere Präferenzen deutlich darin, dass ich, während ich das Frühstück zubereite, bereits große Themen besprechen kann, oder gleich parallel noch die Küche aufräume. Mein Mann ist an der Stelle noch nicht richtig aufnahmefähig. Wenn er allerdings nach Feierabend nach Hause kommt, packt er noch einmal richtig an. Ich habe dagegen den Wunsch nach Erholung. 

Wichtig: Wenn diese Rhythmen ignoriert werden, entstehen messbare Einbußen:

  • Lerchen verlieren etwa 7–10 % ihrer Produktivität
  • Eulen sogar bis zu 26 %

Was bedeutet das für Unternehmen

Übertragen auf Organisationen wird das besonders relevant:

In einem typischen Unternehmen verteilen sich Chronotypen ungefähr so:

  • ca. 30 % Lerchen
  • ca. 40 % Eulen

Wenn alle nach starren Arbeitszeiten arbeiten, bleibt ein erheblicher Teil des Potenzials ungenutzt.

Bei einem Jahresumsatz von 1 Mio. € entspricht das einem Verlust von rund 260.000 € an nicht ausgeschöpfter Leistungsfähigkeit.

Fazit

Zyklusorientiertes Arbeiten ist kein „Frauenthema“. Es ist ein systemischer Ansatz, der den Menschen realistischer betrachtet. Nicht als lineare Maschine, sondern als dynamisches System mit natürlichen Schwankungen.

Und genau darin liegt kein Nachteil, sondern ein bislang unterschätzter Hebel für nachhaltige Leistung. Es geht nicht mehr um "höher, schneller, weiter" sondern um anders. Ich bin davon überzeugt, dass viele Herausforderungen, die wir heute bei Organisationen sehen, dadurch reduzieren. Ich spreche dabei von weniger stressbedingte Krankmeldungen, weniger Fluktuation. Stattdessen einen Zugewinn an Innovationskraft, Motivation und Unternehmens-Resilienz.

Wenn du verstehen willst, wie du zyklusorientiertes Arbeiten konkret in deinen Alltag oder dein Unternehmen integrieren kannst, dann ist mein Newsletter der nächste Schritt.

Dort teile ich regelmäßig praxisnahe Impulse, Modelle und konkrete Umsetzungsideen.

👉 Trage dich hier ein und nutze Potenziale, die bisher ungenutzt bleiben.

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Anja Peters
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